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Zeit fürs Gegenpressing!

Der Schatz an Metaphern, den der Fußball für die Politik bereithält, ist immer wieder erstaunlich. Gar nicht so einfach, ihnen zu widerstehen; sie drängen sich ja oft geradezu auf. Und oft genug gehen sie semantisch nach hinten los. Aber jetzt, da sogar Jürgen Habermas der Versuchung erlegen ist, sei es gestattet, eine seiner Vorlagen aufzunehmen.

Habermas essayIn seinem starken Plädoyer im Spiegel, die Europa-Rede Emmanuel Macrons in der Sorbonne ernst zu nehmen und seine Ideen aufzugreifen, kam Habermas zu dem Schluss, der „Ball Europas“, den Macron im März noch „in der französischen Spielhälfte“ gesehen hatte, liege nun in der „deutschen Hälfte“.

Das Bild ist recht stimmig: tatsächlich muss der französische Präsident, laut Habermas, um mit Deutschland an einem besseren, „politisch handlungsfähigen“ Europa zu arbeiten, erst einmal gegen „die deutsche Regierung mit ihrem robusten Wirtschaftsnationalismus“ spielen.

Führt man den Gedanken und die Metapher weiter, kommt man nicht umhin, sich ein intensives französisches „Gegenpressing“ zu wünschen, um zu sehen, wie die deutsche politische Klasse mit intensivem Nachsetzen umgeht.

Copyright: Oleg Starynskyi

Copyright: Oleg Starynskyi

Für Leser, die mit den Feinheiten der Fußballtaktik weniger vertraut sind, sei kurz erklärt, was mit „Gegenpressing“ genau gemeint ist. Die damit verbundene Spielweise beruht auf der Beobachtung, dass dominante, an Ballbesitz orientierte Teams genau dann am meisten verwundbar sind, wenn sie den Ball erobert haben. In diesem Moment gilt es, sich eben nicht in die Defensive zurückzuziehen, sondern sofort koordiniert im Schwarm die ballführenden Spieler unter Druck zu setzen. Idealerweise schlägt Gegenpressing unerwartete Breschen in die gegnerische Verteidigung.

Die Art und Weise, mit der die deutsche Politik gegenwärtig die konstruktiven Vorschläge aus den Reden Emmanuel Macrons entweder ignoriert oder, im Falle der FDP, kurzerhand abbürstet, sollte man vielleicht in der Tat mit einem Gegenpressing kontern.

Von Frankreich aus erscheint die deutsche Regierung – die vorherige wie die kommende – wie eine dieser Mannschaften, die das Spiel über Jahre hinweg dominiert haben. Im Glanz ihrer vergangenen Erfolge verdrängt sie, dass sie schon in eine Phase des Niedergangs eingetreten ist. Trotzig auf ihren Gewissheiten und ihrer gegebenen Überlegenheit beharrend, verschließt sie sich neuer Spielweisen, immer unter dem Vorwand, die „Fans“ würden das nicht akzeptieren.

Wie die Welt- und die Fußballgeschichte nahelegen, ist dieser „wohlgefällige Selbstbetrug“, den Habermas diagnostiziert, ein verhängnisvoller Wahrnehmungsfehler, sowohl was die Überschätzung eigener Stärke betrifft als auch die Beibehaltung einer herablassenden, selbstgerechten Haltung gegenüber den Ideen eines jungen „Trainers“, der einen neuen Ansatz verfolgt.

Wird es Macron gelingen, die deutsche Abwehr unter Druck zu setzen? Die Hoffnung sei erlaubt. Was ihm in die Hände spielen wird, ist die Vermutung, dass die deutsche Politik das Ausmaß seiner Entschlossenheit noch gar nicht begriffen hat. Offenbar geht man davon aus, er sei mangels besserer Alternativen hauptsächlich deshalb gewählt worden, um Marine Le Pen zu vermeiden, die von einer Reihe deutscher Qualitätsmedien trotz besseren Wissens während des gesamten Wahlkampfs quasi-obsessiv als zukünftige Präsidentin auf den Titelseiten plakatiert wurde.

Im Gegensatz zu Jürgen Habermas scheint man in der deutschen politischen Klasse den ehrlichen Willen Macrons, dem europäischen Integrationsprozess neuen Schwung zu verleihen völlig zu unterschätzen, genauso wie man die geopolitische Rolle (und auch das wirtschaftliche Potential) Frankreichs systematisch herunterspielt. Vielleicht kann man sich in der deutschen Politik auch gar nicht mehr vorstellen, dass ein europäische Regierungschef sich tatsächlich traut, ein besseres Europa ganz oben auf seine Agenda zu setzen und offensiv gegenüber dem ewig skeptischen Diskurs-Trott zu verteidigen.

Wenn der gegenwärtige Koalitions-Mercato abgeschlossen und die neue Mannschaft aufgestellt sein wird, dann wird sich zeigen, wie sie reagiert, wenn ihr ein wirklich guter Spieler gegenübersteht. Emmanuel Macron ist ein Spielgestalter, der den feinen Pass in die Tiefe spielen kann. Einer, der den Mut hat, der allseits dominierenden Taktik des Europa-Bashings nicht mit einer ängstlichen Defensiv-Strategie zu begegnen, sondern offensiv dagegenzuhalten. Macron ist noch nicht abgenutzt von den langen europäischen Abenden in Brüssel und anderswo, frisch genug, um in die Verlängerung zu gehen. Es stimmt, er tendiert dazu, sich selbst an seiner Spielintelligenz und Vision zu berauschen, und nicht jede seiner Vorlagen ist allein deshalb genial, weil sie seiner Inspiration entspringen. Die eine oder andere kann schon mal im Aus landen. Aber man darf damit rechnen, dass er bei den Einwürfen wieder nachsetzt. Und wie man seit einem Jahr beobachten kann, lässt er sich von imposanten Kulissen und miesepetrigen Berichterstattern nicht einschüchtern.

Noch ist es zu früh, um vorherzusagen, ob sein Gegenpressing erfolgreich sein wird. Aber zumindest gibt es jetzt endlich wieder ein spannendes Match „auf Augenhöhe“. Schau’n mer mal!



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